Reise in den Kongo: 7. März, Abends

AFRIKA!

Den größten Teil der Anreise haben wir hinter uns gebracht. Es ist 18 Uhr 30. Nach einem einstündigen Zwischenstopp in Douala, der größten Stadt Kameruns, wo uns zum ersten Mal die heiße und vor allem feuchte Luft Afrikas entgegenwehte, werden wir in etwa anderthalb Stunden in Kinshasa landen.

Die längste Zeit des Fluges habe ich lesend zugebracht. Durch Zufall stieß ich auf das Buch einer deutschen Journalistin, was ich auf gut Glück bestellt habe und was sich mittlerweile als inspirierender und fast unerschöpflicher Quell von Faktenwissen über Land, Leute und Geschichte des Kongo erwiesen hat. Nebenbei ist es einfach und spannend zu lesen.

Nun hämmere ich auf meinem iPad herum und versuche, die vielen Gedanken, Bilder und Geschichten zu ordnen, die mir im Kopf herumschwirren.

Mein in den letzten Wochen angesammeltes Wissen stammt aus eben jenem Buch, Wikipedia, Spiegel online, der Website des Auswärtigen Amtes, den Schilderungen der Kollegen, die vor uns hier waren und natürlich von Christian, der das dritte Mal dorthin reist und auch was die Literaturkenntnis betrifft schon wesentlich weiter ist als ich.

Bei mir haben sich vor allem Zahlen festgesetzt – verstörende Zahlen. 82% der kongolesischen Bevölkerung haben keinen Zugang zu medizinischer Versorgung. 12% der Kinder sterben vor Erreichen des ersten Lebensjahres. Geschätzte 5 Millionen Tote in den beiden Kongokriegen der späten Neunziger und des frühen Jahrtausends, dazu Unzählige durch Krieg, Verstümmelungen und Vergewaltigungen Traumatisierte. Die Angaben zur durchschnittlichen Lebenserwartung schwanken zwischen 46 und 52 Jahren.

Verstörend, wie gesagt. Was habe ich überhaupt im "Herz der Finsternis" zu suchen?

Ich wollte nie nach Afrika.

Abenteurertum ist nun wirklich das Letzte, was man mir nachsagen kann. Die Romantik von Giraffen und Elefantenherden, die vor der untergehenden Sonne durch die endlose Savanne ziehen; eine Nacht im Safarizelt eines Nationalparks beim Geschrei der Affen und fernen Gebrüll der Löwen verbringen; Gorillas im Nebel und so weiter und so weiter... Der ganze Klischeekram hat mich bisher nicht verleitet, den afrikanischen Kontinent erkunden zu wollen und hätte es auch wahrscheinlich weiterhin nicht getan. Und jetzt also mitten hinein.

Wie vom Donner gerührt

Ich wollte also nie nach Afrika – bis ich zum ersten Mal den Trailer des Films "Kinshasa Symphony" sah. Ich konnte kaum glauben, WAS ich da sah. Beethovens Neunte Sinfonie, aufgeführt auf einem staubigen Platz inmitten eines heruntergekommen, mit unseren Augen betrachtet slumartigen Viertels von Kinshasa. Vor Tausenden von begeisterten Zuhörern!

Und plötzlich war sie da, die Faszination. Die Verbindung. Ich wusste, ich muss da hin, ich will dahin.

Menschen, die unter ungleich viel schwereren Bedingungen leben als wir, Bedingungen, die wir uns nicht einmal im Ansatz vorstellen können. Menschen, die ihre Instrumente selber bauen, Kontrabässe aus Schablonen aussägen, gerissene Geigensaiten durch Bremskabel von Fahrrädern ersetzen. Die unglaubliche Mühen auf sich nehmen, um im täglichen Überlebenskampf noch die Zeit und Energie für mehrstündige Orchesterproben zu finden.

Beethoven ist eben doch universell

Denn trotz aller offensichtlichen und riesigen Unterschiede: Die Musiker des kongolesischen Orchesters spielen Beethoven und andere klassische Musik mit derselben Begeisterung, derselben Hingabe, wie wir. Widmen sich, mitten im Chaos, der Musik, die ihnen wie uns eine Leidenschaft, eine Berufung vielleicht und ein Zufluchtsort ganz ohne Zweifel ist.

Wir Vier fahren natürlich mit der Hoffnung dorthin, dass wir den Kollegen dort helfen können, sie weiterbringen und motivieren, ganz abgesehen davon, dass wir kiloweise Material, Instrumente und Musikerequipment im Gepäck haben.

Aber wir alle gehen auch mit einer gewissen Demut an die Sache heran. Mit großem Respekt für die kongolesischen Musiker, die täglich für uns unvorstellbare Probleme zu lösen haben. Ja, wir gehen davon aus, dass auch wir lernen werden. Lernen dürfen. Und das ist der Grund, weswegen wir in diesem Flieger sitzen.

Buchtipps:

Joseph Conrad, "Das Herz der Finsternis"
Andrea Böhm, "Gott und die Krokodile" Eine Reise durch den Kongo