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Reise in den Kongo: 6. März, Abends

KONGO? BELGIEN!!

Wir fahren tatsächlich los!

Ich treffe meine Kollegen Christian Stach, Kontrabass, und Manuel Bilz, Oboe, am Gleis 6 des Kölner Hauptbahnhofs und wir steigen in den ICE nach Brüssel. Dort werden wir am Flughafen übernachten und morgens den Flieger nach Kinshasa besteigen. Der Vierte im Bunde, Hornist Ludwig Rast, trifft in Brüssel noch Freunde und wird beim Einchecken zu uns stoßen.

Für einige Heiterkeit sorgt unser Gepäckaufkommen – wir haben außer unseren eigenen Instrumenten noch Materialspenden und Instrumente für die Musiker dabei. Und so reisen wir zu Dritt mit fünf großen Koffern, dazu Instrumentenköfferchen für Oboe, Englischhorn und Klarinette, einem Kindercello und einer Kindergeige und zwei Rucksäcken. Manuel trägt zusätzlich seine Kameratasche, Christian noch einen Metallkoffer mit seinen wichtigen Papieren sowie allen Devisen und zu guter Letzt das Etui mit seinem Baßbogen.

Wir versuchen, uns jeder die Anzahl der Teile, die wir tragen müssen, zu merken – was sich später noch als sehr sinnvoll herausstellen soll!

Was erwarten wir - Was erwartet uns?

Für die Fahrt suchen wir uns einen Vierertisch und unterhalten uns. Natürlich ist der Kongo das dominierende Thema!

Christian ist unser erfahrener Afrika-Reisender, er war unter anderem schon auf Madagaskar, in Südafrika, in Tansania, im Sudan… Er war auch derjenige, der die Zusammenarbeit zwischen dem OSK (Orchestre Symphonique Kimbanguiste) und unserem Orchester, dem WDR Sinfonieorchester, überhaupt initiiert hat und reist bereits zum dritten Mal nach Kinshasa.

Bislang waren, mit zwei Ausnahmen, vor allem Streicherkollegen und Chorsänger zu Gast bei den Kimbanguisten, haben unterrichtet, Kammermusik- und Stimmgruppenproben geleitet.

Dieses Mal soll ein Bläserschwerpunkt gesetzt werden. Manuel hat sich vorgenommen, den Oboisten die Technik des Rohrebauens beizubringen und schleppt dafür kiloweise Material und Rohrholz mit. Ich stelle mir vor, dass ich vor allem die Klarinettisten unterrichte, Duette und Trios mit den Klarinettisten und Fagottisten erarbeite und habe sogar die Noten eines Bläserquintetts eingepackt.

Natürlich sind wir sehr gespannt, was wir vorfinden. Durch die Schilderungen der Kollegen, die vor uns dort waren - zuletzt vor drei Wochen eine Gruppe von drei Orchesterkollegen - haben wir einen guten Eindruck bekommen und viele Fotos sehen können. Und natürlich haben wir allen den Film "Kinshasa Symphony" gesehen.

Aber wahrscheinlich kann einen doch nichts wirklich auf die überwältigenden Eindrücke vorbereiten, die einen erwarten. Die Hitze. Die Geräusche. Die Gerüche... Das Essen!

Wir freuen uns - und sind gleichzeitig auch alle ein bisschen aufgekratzt...wir beschließen schon jetzt, dass der Abend unbedingt mit einem Bier in der Hotelbar ausklingen muss, damit wir auch gut schlafen können!

Ist der Kongo gefährlich?

Brüssel Nord, umsteigen vom ICE in den Flughefen Express, der uns vorläufig ans Ziel bringt.

Wir diskutieren: Wie "gefährlich" ist unsere Reise eigentlich? Und welche Gefahren könnten einen in Kinshasa erwarten? Soll man aggressives Betteln fürchten? Überfälle? Krankheiten? Rebellenaufstände?

Während wir uns angeregt unterhalten kommen auf unserer Bahnsteigseite zwei Männer auf uns zu, einer hält Christian einen zerknitterten Fahrschein unter die Nase und radebrecht auf Französisch "Gare Nord, Gare Nord??" Wir verstehen nicht, was er will, zumal wir am Gare Nord stehen.

Mir kommt das Ganze schon komisch vor, da sehe ich aus dem Augenwinkel, wie sich von der anderen Seite ein dritter Mann nähert. Lässig telefonierend ein Handy am Ohr, peilt er die Bank an, auf der unser Artistengepäck lagert und hat plötzlich Christians Metallkoffer in der Hand!

Ich drehe mich um, schnauze ihn an "Hehe, der Koffer bleibt hier!" und nehme ihm das Ding wieder ab. Alles innerhalb von Sekunden. Christian und Manuel stehen mit dem Rücken zum Dieb und haben noch gar nicht gemerkt was los ist, da sind die beiden schrägen Typen wieder weg und der Dritte macht sich, weiterhin lässig telefonierend aus dem Staub und ist innerhalb kürzester Zeit verschwunden.

Wir sind baff. Und können es nicht glauben! Wäre der Koffer weg gewesen, hätte Christian die Reise sofort wieder abbrechen müssen! Kein Geld. kein Pass, sämtliche Devisenreserven sowie die vom Auswärtigen Amt zur Verfügung gestellten Gelder für unsere Kosten vor Ort – eine Katastrophe.

Unsere Erleichterung lässt uns schon wieder witzeln: Fahren wir in den Kongo, den Kopf voller Gedanken, was in diesem Land wohl alles passieren könnte - und dann werden wir schon in Belgien beklaut!

Für den letzten Teil der Zugfahrt sitzen wir jedenfalls auf unseren Koffern. Und stoßen an der Hotelbar mit, nein, nicht belgischem, sondern mexikanischem Bier auf die glückliche Ankunft am Flughafen inklusive aller Gepäckstücke an!

Reise in den Kongo: 7. März, Abends

AFRIKA!

Den größten Teil der Anreise haben wir hinter uns gebracht. Es ist 18 Uhr 30. Nach einem einstündigen Zwischenstopp in Douala, der größten Stadt Kameruns, wo uns zum ersten Mal die heiße und vor allem feuchte Luft Afrikas entgegenwehte, werden wir in etwa anderthalb Stunden in Kinshasa landen.

Die längste Zeit des Fluges habe ich lesend zugebracht. Durch Zufall stieß ich auf das Buch einer deutschen Journalistin, was ich auf gut Glück bestellt habe und was sich mittlerweile als inspirierender und fast unerschöpflicher Quell von Faktenwissen über Land, Leute und Geschichte des Kongo erwiesen hat. Nebenbei ist es einfach und spannend zu lesen.

Nun hämmere ich auf meinem iPad herum und versuche, die vielen Gedanken, Bilder und Geschichten zu ordnen, die mir im Kopf herumschwirren.

Mein in den letzten Wochen angesammeltes Wissen stammt aus eben jenem Buch, Wikipedia, Spiegel online, der Website des Auswärtigen Amtes, den Schilderungen der Kollegen, die vor uns hier waren und natürlich von Christian, der das dritte Mal dorthin reist und auch was die Literaturkenntnis betrifft schon wesentlich weiter ist als ich.

Bei mir haben sich vor allem Zahlen festgesetzt – verstörende Zahlen. 82% der kongolesischen Bevölkerung haben keinen Zugang zu medizinischer Versorgung. 12% der Kinder sterben vor Erreichen des ersten Lebensjahres. Geschätzte 5 Millionen Tote in den beiden Kongokriegen der späten Neunziger und des frühen Jahrtausends, dazu Unzählige durch Krieg, Verstümmelungen und Vergewaltigungen Traumatisierte. Die Angaben zur durchschnittlichen Lebenserwartung schwanken zwischen 46 und 52 Jahren.

Verstörend, wie gesagt. Was habe ich überhaupt im "Herz der Finsternis" zu suchen?

Ich wollte nie nach Afrika.

Abenteurertum ist nun wirklich das Letzte, was man mir nachsagen kann. Die Romantik von Giraffen und Elefantenherden, die vor der untergehenden Sonne durch die endlose Savanne ziehen; eine Nacht im Safarizelt eines Nationalparks beim Geschrei der Affen und fernen Gebrüll der Löwen verbringen; Gorillas im Nebel und so weiter und so weiter... Der ganze Klischeekram hat mich bisher nicht verleitet, den afrikanischen Kontinent erkunden zu wollen und hätte es auch wahrscheinlich weiterhin nicht getan. Und jetzt also mitten hinein.

Wie vom Donner gerührt

Ich wollte also nie nach Afrika – bis ich zum ersten Mal den Trailer des Films "Kinshasa Symphony" sah. Ich konnte kaum glauben, WAS ich da sah. Beethovens Neunte Sinfonie, aufgeführt auf einem staubigen Platz inmitten eines heruntergekommen, mit unseren Augen betrachtet slumartigen Viertels von Kinshasa. Vor Tausenden von begeisterten Zuhörern!

Und plötzlich war sie da, die Faszination. Die Verbindung. Ich wusste, ich muss da hin, ich will dahin.

Menschen, die unter ungleich viel schwereren Bedingungen leben als wir, Bedingungen, die wir uns nicht einmal im Ansatz vorstellen können. Menschen, die ihre Instrumente selber bauen, Kontrabässe aus Schablonen aussägen, gerissene Geigensaiten durch Bremskabel von Fahrrädern ersetzen. Die unglaubliche Mühen auf sich nehmen, um im täglichen Überlebenskampf noch die Zeit und Energie für mehrstündige Orchesterproben zu finden.

Beethoven ist eben doch universell

Denn trotz aller offensichtlichen und riesigen Unterschiede: Die Musiker des kongolesischen Orchesters spielen Beethoven und andere klassische Musik mit derselben Begeisterung, derselben Hingabe, wie wir. Widmen sich, mitten im Chaos, der Musik, die ihnen wie uns eine Leidenschaft, eine Berufung vielleicht und ein Zufluchtsort ganz ohne Zweifel ist.

Wir Vier fahren natürlich mit der Hoffnung dorthin, dass wir den Kollegen dort helfen können, sie weiterbringen und motivieren, ganz abgesehen davon, dass wir kiloweise Material, Instrumente und Musikerequipment im Gepäck haben.

Aber wir alle gehen auch mit einer gewissen Demut an die Sache heran. Mit großem Respekt für die kongolesischen Musiker, die täglich für uns unvorstellbare Probleme zu lösen haben. Ja, wir gehen davon aus, dass auch wir lernen werden. Lernen dürfen. Und das ist der Grund, weswegen wir in diesem Flieger sitzen.

Buchtipps:

Joseph Conrad, "Das Herz der Finsternis"
Andrea Böhm, "Gott und die Krokodile" Eine Reise durch den Kongo

Reise in den Kongo: 8. März, Morgens

ANKOMMEN

Es ist frühmorgens, ich liege auf einem breiten Bett in meinem Zimmer, über mir surrt ein großer Ventilator, der die stickige, feuchte Luft so herumwirbelt, dass zumindest ein kleiner kühlender Luftzug entsteht. Gestern abend um 20 Uhr landeten wir in Kinshasa und wurden durch ein Missverständnis von gleich zwei Parteien in Empfang genommen. Bestellt war eigentlich Maggy, eine kongolesische Dame, die längere Zeit in Deutschland gelebt hat und nach wie vor hervorragend Deutsch spricht. Sie arbeitet hier in Kinshasa bei der Wasserbehörde und war schon vom ersten Besuch unserer Kollegen an engagiert um zu fahren, praktische Hilfe zu leisten und Dinge zu organisieren und nicht zuletzt im Unterricht mit den Musikern zu übersetzen.

Aber auch die Botschaft hatte einen Fahrer geschickt, um uns abzuholen, und so verteilten wir uns auf zwei Fahrzeuge – nachdem wir die Einreisekontrolle hinter uns gebracht, unsere Impfpässe kontrollieren lassen, unsere vielen Gepäckstücke über den chaotischen Flughafenvorplatz gewuchtet und in einem Kleinbus verstaut hatten. Matthieu, der Fahrer mit dem Maggy kam, nahm uns bereits am Gepäckband in Empfang und führte unsere kleine Kolonne an. Er verkündete jedem Uniformträger, der sich uns in den Weg stellen wollte lautstark, dass er für uns zuständig sei und verscheuchte rigoros sämtliche jungen Männer, die uns die Koffer aus der Hand nehmen und die paar Schritte bis zum Auto tragen oder zumindest auf die Ladefläche heben wollten, in der Hoffnung, sich wenigstens ein paar Francs Congolais zu verdienen.

Die Straßen von Kinshasa

Ludwig und Manuel fuhren mit Maggy, Christian und ich bestiegen den Wagen der deutschen Botschaft und wurden von Paulin, dem Fahrer der Botschaftergattin Sabine Blomeier, zu unserer Unterkunft für die nächste Woche gebracht.

Die Fahrt begann abenteuerlich. Chinesische Firmen haben, als Gegenleistung für die Zusicherung von Schürfrechten in den Diamantenminen der Kasai-Provinz, die Straße von der Stadt zum Flughafen asphaltiert. Die letzten Kilometer haben sie dann allerdings, aus welchen Gründen auch immer, nicht fertig gestellt. Das Wort "Straße" kann man für diesen Abschnitt gar nicht benutzen. Eine Sandpiste, mit Schlaglöchern übersäht, eher Kratern eigentlich, um beziehungsweise durch die hindurch Paulin immer wieder im Schritttempo fahren muss.

Staub überall. Autos, Motorräder, Mehrsitzer und Kleinbusse, die als Sammeltaxis genutzt werden und buchstäblich mit Menschen vollgestopft sind – wer nicht mehr hinein passt, steht auf dem Trittbrett und hält sich am Dach fest. Oder sitzt gleich AUF dem Dach.

Unglaublich viele Menschen auf der Straße, die am Straßenrand auf eben diese Taxis warten, von A nach B laufen, weil sie sich den Fahrpreis nicht leisten können oder schlicht, wie Christian es formuliert, die ganze Nacht "rumrennen und hoffen, irgendwo etwas zu Essen aufzutreiben".

Petroleum und Autoscheinwerfer

Und es ist dunkel. Straßenlaternen gibt es nicht. Niedrige Holzverschläge mit Wellblechdächern säumen den Straßenrand, wir können sie nur schemenhaft erkennen – im Licht von, so sieht es zunächst aus, hunderten von Kerzen!

Vor diesen Hütten, in denen Menschen wohnen, aber auch kleine Läden betrieben werden, stehen Plastikstühle und kleine Tischchen im Freien. Auf vielen dieser Tische stehen, wie ich dann erkenne, kleine Petroleumlaternen, deren Flackern im Vorbeifahren wie Kerzenlicht aussieht. Das ist die einzige Beleuchtung! Und die Autoscheinwerfer natürlich, jedenfalls bei den Wagen, bei denen sie funktionstüchtig sind.

Deutsche Botschaft

Je näher wir dem Stadtzentrum kommen, desto besser werden die Straßen. Wir sehen jetzt auch Häuser, die einen wesentlich stabileren Eindruck machen, als die flachen Hütten zuvor. Schließlich kommen wir an unserem Ziel an: Der deutschen Botschaft, in deren Gästehaus, der sogenannten kleinen Residenz, wir untergebracht sind.

Botschaft und Residenz liegen wunderschön, direkt am großen Kongo-Fluss, auf dessen gegenüberliegenden Seite wir Brazzaville, die Hauptstadt der Republik Kongo, ausmachen können. Die Explosion eines Munitionslagers, die Brazzaville am letzten Sonntag erschütterte und viele Tote forderte, hat auch auf dieser Seite Schäden angerichtet. Durch die Druckwelle der nur etwa vier Kilometer Luftlinie entfernten Explosion ist ein Fenster zu Bruch gegangen und  die Eingangstür hat sich verzogen und lässt sich nur noch mit Gewalt schließen.

Ansonsten ist die Residenz einfach ausgestattet, aber geräumig und zweckmäßig eingerichtet, mit eigener Küche, gut funktionierenden sanitären Einrichtungen und einer schönen, zum Kongo liegenden überdachten Veranda – nicht zu vergessen einem kleinen Wachpavillon, in dem Tag und Nacht ein Guard über uns wacht.

Kurze Zeit nach unserer Ankunft steht das Botschafterehepaar vor der Tür, in der Hand eine für uns gebackene Quiche, die wir dann kurzentschlossen wieder die fünfzig Meter in die Botschaft zurücktragen und dort auf der großen und sehr schön eingerichteten Botschaftsveranda verzehren.

Auf unserem Tisch stehen Weingläser neben Autan-Fläschchen... Die Malariaprophylaxe soll gut wirken, aber nichtsdestotrotz muss man einige weitere Vorsichtsmaßnahmen ergreifen, um nicht trotzdem von der Malaria tropica befallen zu werden.

Ich bringe die große Veranda und die elegante, luxuriös eingerichtete Botschaft nur schwer in Verbindung mit den Bildern, die ich noch von der Fahrt eben im Kopf habe und schlafe schwer ein. Die Hitze tut ein Übriges, die Nacht ist unruhig.

Aber schließlich bin ich nicht zum Schlafen hier! Gleich geht es zu den Kimbanguisten! Wir freuen uns und sind wahnsinnig gespannt, endlich die Musiker kennenzulernen!

Reise in den Kongo: 8. März, Abends

Heute morgen haben sind wir nun zum ersten Mal die Musiker des OSK getroffen. Die Neugierde war auf beiden Seiten gleich groß... Bis auf Christian, der schon zweimal hier war und wusste, dass er mit Edgar, dem begabtesten der Kontrabassisten mit dem er sich zusätzlich sogar auf Englisch verständigem kann, gleich würde loslegen können, wusste keiner von uns, was ihn erwartet.

Nach einer vierzigminütigen Fahrt kommen wir im Zentrum der Kimbanguisten und Haus von Armand Diangenda, dem Dirigenten des Orchesters, an. Normalerweise dauert die Fahrt halb so lange, aber es ist der Internationale Frauentag, auf den Straßen haben sich hunderte festlich gekleidete Frauen und Mädchen versammelt, die in langen Reihen und Transparente tragend eine Parade abhalten. Einige Straßen sind gesperrt und Paulin muss Umwege fahren.

Als wir gegen halb elf bei Armand eintreffen, sind noch keine Musiker da. Man weiß, dass wir ab heute hier sind und irgendwann wird auch irgendjemand kommen. Allerdings weiß niemand, wer das sein wird und wann. Wir setzen uns auf die Veranda und verschnaufen erstmal von der Fahrt, die uns physisch wie psychisch etwas durchgerüttelt hat...

Es ist schwer, die Eindrücke von Kinshasa bei Tag wirklich einzufangen. Das Chaos auf den Straßen, dass aber – so müssen wir einfach annehmen – trotz allem einer gewissen Ordnung gehorcht, die bloß für uns nicht erkennbar ist. Die Fahrt durch Wohnstraßen, in denen wir kurze Blicke in die Häuser und Hinterhöfe werfen können und uns nach kürzester Zeit die Adjektive ausgehen für das, was wir sehen und wir einfach still werden.

Ich werde es sicher bei anderer Gelegenheit versuchen, jetzt aber möchte ich mich wieder in die Oase von Armands Haus begeben, in der wir immer noch sitzen und auf die Musiker warten.

Bei Adam und Eva anfangen

Kurze Zeit später trudeln tatsächlich nach und nach Menschen mit Instrumentenkästen ein. Anhand deren Form – da ist ein Horn drin, hier eine Tuba, dort eine Klarinette! – springen wir nacheinander auf und machen uns mit den Musikern bekannt.

Ich treffe auf Junior, den ersten der fünf Klarinettisten, suche mir in dem verwinkelten Gebäude, das Armand Wohnhaus ist, aber auch an die Kapelle der Kimbanguisten angrenzt, einen Salon und wir legen los.

Ich bitte Junior, mir etwas vorzuspielen, eine Tonleiter, irgendetwas, was er gerne spielt. Er beginnt mit dem vierten Satz der Neunten Beethoven, ein Stück aus der Klarinettenstimme. Sofort werden die vielen Probleme, mit denen er am Instrument zu kämpfen hat, deutlich. Ich überlege fieberhaft, wo ich einsteigen soll und vor allem wie ich meine Anweisungen in mein rostiges Schulfranzösisch transkribiert bekomme. Maggy, die auch zum Übersetzen für uns da ist, assistiert Ludwig, der schon mit einer Gruppe von Blechbläsern arbeitet.

Welten treffen aufeinander

Junior wie auch Jasmine, die eine Dreiviertelstunde später eintrifft, spielen auf für unsere Verhältnisse totalem Anfängerniveau. Wobei beide recht gut im Vom-Blatt-Lesen sind und die leichten Mozart-Duette, die ich bald auspacke, nach relativ kurzer Zeit spielen können. Vielleicht liegt es auch daran, dass sich derjenige von beiden, der gerade nicht mit mir arbeitet, in eine Ecke des Zimmers zurückzieht und an seiner Stimme übt.

Ich habe Skrupel, ihren Enthusiasmus zu dämpfen, deswegen dauert es bis zum Nachmittag bis ich sie bitte, aus Respekt für ihren Kollegen und um dessen Konzentration nicht zu stören, nicht dazwischen zu spielen, während dieser etwas erklärt bekommt oder selbst ausprobieren soll.

Ich versuche, die Schwierigkeiten, die jeder der Beiden hat, mit einfachen Übungen anzugehen. Danach nehmen wir uns besagte Mozart-Duette vor, bei denen ich die zweite Stimme spiele. Schließlich wollen wir ja auch etwas Musik machen.

Unermüdlich

Um die Mittagszeit kommt Doble dazu. Während wir vier Kollegen im Speisezimmer zusammen mit Armand und Maggy an einem mit edlem Geschirr und Blumendekoration liebevoll gedecktem Tisch Mittagessen serviert bekommen, wühlen sich die drei Klarinettisten durch das von mir mitgebrachte Material, probieren Mundstücke und Blätter.

Der Salon, den ich für die Klarinetten requiriert habe, liegt direkt neben dem Speisezimmer und während wir essen höre ich die Drei nebenan üben, Tonleitern und immer wieder Mozart, Mozart, Mozart. So wird es noch bis abends um sechs weitergehen, ohne dass ich einen von ihnen zwischendurch einmal etwas essen oder auch nur einen Schluck Wasser trinken sehe.

Atmen

Weil wir festgestellt haben, dass eigentlich alle unsere Holzbläser Probleme mit der Haltung, der Lockerheit und dem richtigen Atmen haben, haben wir beschlossen, am Nachmittag einen kleinen Workshop zum Thema Atmung und Entspannung zu machen. Manuel, dessen Französisch deutlich geschmeidiger und vokabelreicher ist als meines, wird ihn leiten.

Wir stellen uns zunächst ohne Instrumente im Kreis auf, machen gemeinsam Lockerungs- und Atemübungen. Manuel macht das einfach fantastisch! Er schafft eine sehr gute Atmosphäre und kann die Dinge einfach und klar in Worte fassen.

Allen fällt es unheimlich schwer, einfach nur die Arme locker hängen zu lassen, besonders Junior kann seine Muskeln nur schwer entspannen. Wir erklären, warum Lockerheit für die Arbeit am Instrument wichtig ist. In einer kurzen Pause kommt er verstohlen zu mir und fragt mich schüchtern, ob er denn nun nicht mehr "pomper" dürfe – Gewichte stemmen. Nein, sage ich, Du musst Deinem Körper bloß den Unterschied zwischen Gewichtheben und Klarinette spielen beibringen!

Und Manuel und ich beschließen, dass wir von jetzt an jeden Tag mit unseren gemeinsamen Gruppenübungen beginnen werden.

Reise in den Kongo: 9. März, Nachts

SCHLAFLOS IN KINSHASA

Es ist weit nach Mitternacht. Und ich kann nicht schlafen. Unmöglich, die Geschehnisse des Tages einfach hinter sich zu lassen, die Augen zu schließen und ruhig die Nacht durchzuschlafen. Jedenfalls unmöglich für mich.

Dünger

Wir haben gestern angekündigt, den Unterricht des Tages um halb zehn zu beginnen, Paulin fährt uns wieder zum Kimbanguistenzentrum. Heute können wir den normalen Weg nehmen und fahren eine Weile an einer weiten, grünen Fläche vorbei, auf der gebückte Menschen stehen und, ja, wie es aussieht, Feldarbeit verrichten. Was sie auch tun.

Die Fläche war bis vor einigen Jahren ein Friedhofsgelände, inzwischen wird dort, mitten in der Stadt und von den Menschen selbst für den Eigenbedarf Gemüse angebaut. Aber wie kann das sein, frage ich, wo sich doch alle Art von Müll über das Feld verteilt, so weit man schauen kann. Christian erklärt: Auf dem Feld würde eben auch Müll gesammelt, dann verbrannt und die Asche als Dünger für das angebaute Gemüse verwendet. Und "Müll" bedeutet in diesem Fall nicht Kompost. Sondern Plastikflaschen. Pappe. Autobatterien.

Ich frage nicht weiter. Und bin froh, als wir in der Oase des Zentrums ankommen, das grüne Tor in der Mauer aus Wellblech sich fürs Erste hinter uns schließt und wir mit der Arbeit beginnen können.

Helfen, Motivieren, Inspirieren

Was fange ich mit meinen Schülern an? Die Zeit meines Aufenthalts ist nicht lang genug, um wirklich etwas bewirken zu können. Ich habe mir vorgenommen, jedem ein kleines "Journal des Exercises", ein Übeheft anzulegen, mit dem sie nach meiner Abreise weiterarbeiten können. Schreibpapier wird Maggy mir morgen besorgen, Notenpapier zum Notieren von Übungen habe ich bereits von Armand bekommen. Das wird meine Hausaufgabe für den Sonntag sein, den die Kimbanguisten mit einem den ganzen Tag andauernden Gottesdienst begehen und ohnehin kaum Zeit für Unterricht haben.

Aber jetzt beginnen wir erstmal mit Atmen, stehen im Kreis und machen unsere Lockerungsgymnastik. Dann spielen wir Tonleitern. Lange Töne. Kurze Staccato-Töne. Gehen ins obere Register. Spielen Intervalle zusammen, die so unsauber sind, dass ich alle bitte, die Instrumente beiseite zu legen und die Intervalle zu singen. Plötzlich erklingen im Salon blitzsaubere Quinten, Quarten und geradezu beängstigend schöne Akkorde! Wir wechseln ab: Singen, Anblasen, Singen, Anblasen. Nach einer Weile klingen auch die Klarinetten-Akkorde sehr anständig, ich bin begeistert von meiner Truppe und sie staunen, wie herrlich man sich in einem klaren und reinen C-Dur baden kann!

Dann spielen wir. Insbesondere Jasmine möchte ich ermutigen, mehr aus sich heraus zu gehen und mir mit ihrem Spiel die Freude an der Musik zu vermitteln. Wir nehmen eines der von mir mitgebrachten Notenhefte mit einfachen, bekannten Stücken, für eine Klarinette umgeschrieben.

"Yesterday" kennt niemand. Auch nicht "The Sound of Silence". Allgemeines Kopfschütteln bei einigen anderen Klassikern der Popmusik. Aber der Donauwalzer von Johann Strauß ruft Begeisterung hervor! Jasmine soll Walzerkönigin sein, sie spielt die Hauptstimme und wir anderen begleiten sie. Improvisiert, wohlgemerkt. Ohne Noten.

Nun staune ich! Denn die vier Musiker spielen aus dem Stand eine wirklich passable Begleitung und haben einen Riesenspaß daran, diese immer weiter zu verfeinern.  Danach sind wir Alle geradezu ausgelassen!

Der vierte Schüler

Aber ja, inzwischen sind es vier Klarinettisten. Am späten Vormittag trifft Jacques ein. Und mit ihm das ganze Elend Afrikas. Jacques ist jünger als Christian, aber er wirkt wie ein alter Mann. Er humpelt stark, wahrscheinlich Polio. Er atmet schwer – ich habe Sorge, dass ich es mit der hier verbreiteten Tuberkulose zu tun habe und bitte Maggy, mir seine Diagnose zu übersetzen, da ich sein sehr afrikanisch gefärbtes Französisch nur schwer verstehe. Außerdem möchte ich ihn mit meinen Atemübungen nicht überfordern. Es seien Probleme mit dem Magen, ist die Antwort, aber es ginge schon wieder.

Es geht überhaupt nicht. Jacques' Finger zittern, wenn er die Klarinette hält und er kann keinen geraden Ton spielen. Aus seinem schmalen, eingefallenen Brustkorb will einfach kein konstanter Atemstrom kommen.  Er spiele seit 25 Jahren Klarinette. Aber es sei immer "très difficile", sehr schwierig, gewesen, wie er mir versichert, weil er niemals zuvor einen Lehrer gehabt hätte.

Ich bin einigermaßen verstört und versuche, mir davon nichts anmerken zu lassen. Die drei jungen Musiker aber sind respektvoll, ja fast liebevoll im Umgang mit ihm. "Papa Jacques" nennen sie ihn, das ist Ausdruck eben dieses Respekts.

Und auch Papa Jacques erstaunt mich. In seinem müden, abgearbeiteten und ausgebeuteten Körper, hinter seiner schwerfälligen und langsamen Art zu sprechen, verbirgt sich ein wacher Geist, der meine teilweise recht philosophischen Ansagen mit heftigem Nicken begleitet. Nach kurzer Zeit fängt er an, meine Sätze zu beenden, wenn ich mich in einer für mich zu schwierigen französischen Formulierung verheddert habe. Und trifft dabei immer den Nagel auf den Kopf.

Mein Afrika-Erlebnis

Der Tag hat mich müde gemacht. Trotz aller Freude daran, was zwischen den Musikern und mir entsteht, wie sie begeistert, fast übereifrig und unermüdlich mit mir arbeiten bin ich vollkommen ausgelaugt. Aber ich fahre in ein paar Tagen wieder nach Hause. Sie bleiben hier – in ihrem Leben, dessen Mühen und Strapazen ich mir zum ersten Mal überhaupt ansatzweise vorstellen kann, seit ich Papa Jacques kennengelernt habe.

Ich setze mich auf die Veranda von Armands Haus. Zwischen dem Lärm, der von der Straße vor dem Zentrum hinter die Mauern dringt, rufende Menschen, Autohupen, knatternde Motorräder, höre ich plötzlich Gesang. Ich gehe den Klängen nach. In einer Ecke des Areals, direkt an der Wellblechmauer, sitzen die Frauen der Gemeinde und singen Choräle. Afrikanische Choräle, auf Lingala, mehrstimmig. Das ist so wunderschön, dass ich mich in einigem Abstand auf einen Vorsprung hocke und einfach nur zuhöre.

Da sitze ich nun, lausche, und habe fern von Safari-Romantik und Ethno-Kitsch meinen ganz privaten Afrika-Moment. In der beginnenden Abenddämmerung, zwischen Autohupen und Transistorgeplärr singen die Frauen, Stunde um Stunde und ganz langsam, glaube ich, fange ich an zu begreifen, was den Menschen hier die Kraft gibt, im täglichen Kampf, der Armut, dem Staub, dem Dreck und dem Chaos zu überleben.